Bayerns ungerechte Auslese

Bildung

 

Ludwig Haas, früherer Konrektor an der Realschule am Judenstein und Auslandsschullehrer an der Europäischen Schule in Luxemburg

In meinen neun Jahren an der Europäischen Schule in Luxemburg konnte ich den Kollegen aus 28 EU-Ländern viel über Deutschland erklären, aber eines nicht: Warum wir im Bildungsbereich als einziges Land neben Österreich Kinder im Alter von zehn Jahren aussieben. Vor allem skandinavische Lehrer waren entsetzt. „Wie könnt ihr Kinder mit zwei Stellen nach dem Komma benoten? Was hat das mit Pädagogik zu tun?“ Für Fachleute, Pädagogen und Eltern ist die 4.Klasse der Grundschule zu einer Sortieranlage, einer Stätte des Turbo-Lernens, Probenwahnsinns mit Notensammeln statt eines Orts der Neugierde, Integration, Förderung und Lernfreude geworden.

Die negativen Begleiterscheinungen im „Übertrittsjahr des Grundschulabiturs“ sind bekannt. Hoher Leistungsdruck, Dauertests bei verängstigten Schülern, verzweifelte, übernervöse Medikamente verabreichende Eltern, Tränen und unruhige Nächte bei Kindern, gestresste und mit Eltern um Noten feilschende Lehrkräfte. Nachhilfe schon in der Grundschule. Die Kinder haben oft Angst, die hohe Erwartungshaltung der Eltern nicht zu erfüllen. Alles wird dem alleinigen Jahresziel, dem Übertritt, untergeordnet. In Bayern erfolgt die entscheidende Zuteilung von Lebenschancen mit 10 Jahren, einem Alter, in dem Resteuropa noch gemeinsam lernt, die Freizeit und das Spielen noch genießt, nicht ständig Gedanken an Übertritt und verspielte Lebenschancen verschwendet.

„Dabei hat eine Prognose aufgrund kognitiver Leistungen von Zehnjährigen keine Aussagekraft für die Einschätzung der Lernpotenziale“, stellt schon der frühere BLLV-Präsident Klaus Wenzel fest. Manche Bildungsexperten kritisieren die Lernprognosen als „staatlich verordnete Hellseherei“, als ob sich Kinder ab dem 10. Lebensjahr nicht mehr weiterentwickeln würden. Obwohl man weiß, dass Jungen im Alter von zehn Jahren den Mädchen entwicklungsmäßig unterlegen sind und dass die Bandbreite der Entwicklung in den Bereichen Sprache, Lesen, Schreiben, soziales Verhalten, logisches Denken, Zahlenverständnis, räumliche Vorstellung und Motorik oft bis zu vier Jahre umfasst – die einen also auf der Entwicklungsstufe eines Achtjährigen, die anderen auf der eines Zwölfjährigen stehen –, nehmen alle trotzdem am ungleichen Wettlauf teil. Diese Auslese ist unpädagogisch, weder kind- noch begabungsgerecht – und nicht zeitgemäß, da das dreigliedrige Schulsystem aus der Zeit vor 100 Jahren stammt und nicht weiterentwickelt wurde.

Fehlender politischer Wille und ideologische Rechthaberei lassen in Bayern nicht einmal eine alternative Schulform zu, wie etwa die Gemeinschaftsschule mit einer längeren gemeinsamen Grundschulzeit. Diese Schulform erfreut sich mit allein 305 Neugründungen in Baden-Württemberg größter Beliebtheit, seit sie mit dem Regierungswechsel dort vor fünf Jahren eingeführt wurde. Der Grund: Sie nimmt den frühen Druck im Grundschulalter, sorgt für mehr Bildungsgerechtigkeit, bietet alle drei Schularten und entsprechende Abschlüsse an, offeriert ein breites Schulangebot vor allem für den ländlichen Raum, – sie wirkt der Schließung von Schulstandorten entgegen – bringt kürzere Schulwege, lässt Schüler länger mit Freunden zusammen sein.